Tagebuch einer Mörderin.
Vater will mich verheiraten. Er weiß genau, dass es niemandem in unserem Stand gibt, den ich heiraten könnte. Heute beim Frühstück erklärte er, dass ich dann eben Abstriche machen und den Grafen von Schwarzenfels heiraten solle. Ich muss hier raus… ich brauch frischen Wind.
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Der Graf von Schwarzenfels hat mir den Hof gemacht. Es hat mich nicht überrascht, dass er sofort auf Vaters Vorschlag eingegangen ist. Ich kann kaum abschätzen, ob der Graf mich überhaupt angesehen hat, oder nur die Vermählung mit einer Fürstentochter wollte. Er war schon viermal verheiratet, und wenn vier Frauen in diesen Zeiten vor ihm weglaufen, spricht das für sich. Ich habe so viel Gefallen an Vaters Idee wie ein Vogel, sich in einen Käfig sperren zu lassen. Falls ich zustimme, dann nur meinen Eltern zuliebe.
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Nun bin ich die Gräfin von Schwarzenfels, und er, er ist das Ekel von Schwarzenfels. Mögen seine Gesichtszüge auch fein, seine Manieren tadellos sein und seine Kleidung knitterlos: ich lasse mich nicht täuschen, so wie die vielen Gäste unserer Vermählung.
Seine Burg ist in fragwürdigem Zustand, er hat zu wenig Bedienstete und kaum Sinn für mich, für Wichtiges. Das hier zerstört meine Zukunft, meine Pläne, mein Potenzial. Ich stecke fest.
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Ich trage sein Kind unter meinem Herzen. Obgleich mich dies noch fester binden wird, freue ich mich auf meinen Sohn. Ja, ich bin sicher, es ist ein Junge. Er wird mir die Zeit wieder kürzer machen, ich kann es kaum erwarten, wieder Abwechslung zu haben! Der Graf vergräbt seine Nase immer häufiger in alten Schriften und Weltkarten, er lernt über Schiffe und fremde Kulturen. Ja, natürlich liebe ich reisen, ich will mit! – aber er sagt, ich erwarte ich unser Kind, solle auf uns und die Burg aufpassen.
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Endlich bin ich nach dem Wochenbett wieder bei Kräften. Mein Gemahl kümmerte sich liebevoll um mich in den schweren und heißen Sommertagen, in denen ich kaum noch gehen konnte. Voll Freude empfing er unseren Sohn Wolfgang und wies Rosalinde an, uns Tag und Nacht zu pflegen. Ich bin glücklich.
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Er ist tatsächlich auf Reisen gegangen, ohne uns!
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Wolfgang vertreibt mir die Langeweile. Er kann bereits laufen und spricht die ersten Worte. Er ist wunderschön… ich liebe ihn so sehr. Mein kleiner Junge. Mein Herz, mein Alles.
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Der Graf ist zurückgekehrt. Er hat Geschenke mitgebracht und erzählt von seinen Erlebnissen aus Dresden, Salonique und Kairo, aber vor allem davon, dass die nächste Reise kurz bevor steht. Er will zum englischen Königreich, dann nach Italien, Österreich, und zu den Amerikanern. Und wieder meint er, dass er Wolfgang und mir solche Anstrengungen nicht zumuten könne, dass wir zu Hause bleiben müssten.
Ein ganzes verdammtes Schiff mit Mannschaft hat er angeheuert! Es reicht mir. Olaf, der mir schon in der Schwangerschaft gute alchemistische Dienste bereitete, mein verschwiegener Vertrauter, hat alles bereit. Ich schenke dem Grafen sechs Fässer seines liebsten Weines, gezeichnet mit Jahrgängen, sodass er am Anfang keinen Unterschied schmecken wird. Erst nach und nach wird er es spüren, daran glauben, dass die andersartigen Wetter sein Wohlbefinden beeinträchtigen. Ich werde den richtigen Zeitpunkt finden, ihn für verschollen und schließlich tot zu erklären, dann bin ich wieder frei.
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Ich verstehe nicht… er ist zurückgekehrt?! Hat er den Wein nicht getrunken, oder war die Essenz nicht stark genug? Das ist unmöglich…
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Ich erkenne ihn kaum wieder. Nach so vielen Monaten, mag man behaupten, sei das nichts Besonderes, insbesondere nicht, wenn er so viele Länder kennengelernt hat. Neuerdings erzählt er von Spiritismus, von Geistern und deren Beschwörung. Er spricht wirr, ich verstehe kaum etwas davon. Und überhaupt ist er so anders… er erstarrte förmlich, als er Wolfgang sah und fragte mich, ob er tatsächlich unser Sohn sei. Womöglich hat die Sonne über dem Meer sein Erinnerungsvermögen geschmälert – oder es ist eine Nebenwirkung des Gebräus, das ich in die Weinfässer geben ließ.
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Es ist unglaublich langweilig hier. Hat mein Sohn in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass ich etwas zu tun hatte, ist er doch mittlerweile so groß geworden, dass er Tag für Tag draußen herumtollt, Kampfkünste erlernt und sich immer weniger mit mir beschäftigen will.
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Von meinem Burgfenster aus habe ich, als ich Wolfgang im Garten beobachtete, auch unserem Stallburschen bei der Arbeit zugesehen. Er brachte Pferde zur Koppel, fuhr Heu herbei.. ich sehe mir das morgen mal aus der Nähe an.
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Dietrich ist ganz und gar ein Mann der ehrlichen Arbeit. Ich war heute bei den Stallungen und habe nach dem Rechten gesehen – es war alles in bester Ordnung. Er war auch zugegen, hat mich herumgeführt und war stets .. um mein Wohlbefinden bemüht ..
Ich traue mich kaum, es niederzuschreiben. Der Graf ist aber sowieso in der Bibliothek beschäftigt.
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Dietrich hat so wunderbare raue, kräftige und doch geschickte Hände … und Gottseidank quietscht Heu nicht.
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Morgen kommen Gäste zu uns! Der Graf hat von weit und fern zu einem Fest geladen, ich bin ganz aufgeregt – endlich wieder neue Gesichter und etwas zu tun! Zwar hat er das ganze Wochenende unter das Thema der Geisterbeschwörung gestellt, aber das ist mir beinahe egal, Hauptsache Abwechslung. Die Gäste hat er fein verlesen, hat sie nach ihren spirituellen Begabungen gewählt, sagte er mir. Was auch immer er da vorhat, mir wird es Kurzweil bringen.
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Ich bin auf der Flucht. In diesem Burgturm werden sie nicht suchen, er ist so angegriffen von Wind und Wetter, dass die Ruine einsturzgefährdet und bedrohlich wirkt. Was in den letzten Tagen passierte, ist unfassbar… ich.. werde versuchen, Worte zu finden …
Gut, ich habe mich etwas beruhigt. Der Reihe nach.
Am ersten Tag war ich so aufgeregt und so verwirrt, dass die Burg plötzlich so viel Leben hat, dass ich sie alle von meinem Fenster aus beobachtete. Wie töricht ich doch war, nicht gleich mitten ins Getümmel zu gehen.. aber mir war bange, so viele Menschen hatte ich doch lang nicht mehr zusammen gesehen. Die vielen Jahre allein haben mich gezeichnet. Ganz unterschiedlich sahen sie aus, manche kannten sich offenbar, andere lernten sich mit offenem Herzen auf der Zunge kennen. Zwei Gehörnte fielen mir besonders auf, die einzigen mit Helmen auf ihren Köpfen. Alle plauderten sie, tranken und lachten. Der Graf empfing sie im Garten und erklärte, dass er sie dieser Tage zu Medien ausbilden wolle, und dass sie zu diesem Zwecke Geistermaschinen bauen sollen, die der Kanalisierung von Übersinnlichem dienen. Sie zogen freudig los, bauten ihre Maschinen, fünf an der Zahl, und stellten sie ihm vor. Des Abends empfing er sie in der großen Halle und verkündete, auf welche Maschine seine Wahl fiel. Behutsam lehnte ich mein Ohr an die Türe und lauschte, was er mit ihnen vorhatte und war kaum erstaunt, dass er große Worte blies und gönnerhaft ein weiterhin ereignisreiches Erlebnis versprach. Nachts suchte er auch unsere Gemächer auf und fragte mich mit sanften Worten, ob ich am folgenden Tag mit ihm zusammen darauf achten könne, dass unsere Gäste sich wohl fühlen, damit sie für seinen Zweck in bester Form sind. Er war so wortgewandt und konzentrierte sich auf .. mich .. so etwas habe ich von ihm selten erlebt. Es war mir eine Freude, ihn und Wolfgang am nächsten Tag an meiner Seite zu haben. War das das erste Mal, dass so etwas passiert ist?
Meine Nervosität konnte ich am nächsten Morgen nicht ganz beiseite schieben, und immer wieder war ich gottfroh, ihn in meiner Nähe zu wissen. Ein durchaus seltsames Gefühl, habe ich doch die letzten Jahre nur versucht, ihn loszuwerden. Wolfgang war herausgeputzt wie immer, trug seine Stichwaffe am Gürtel, und ich war unschlüssig, ob es Zierde war, oder ob auch er dem ganzen Zauber nicht so recht traute. Rosa, meine liebe Rosa, und mein Geliebter Dietrich waren auch mittendrin. Nach einer Zeit überwand ich meine Scheu und hielt ein Pläuschchen mit einem der Nordmänner, der sofort mit mächtigen Worten das übrige Eis brach. Er erzählte mir von seiner Heimat, von flüssigem Gold und feuerspeienden Kolibris mit einer Spannweite von über zwei Metern! Auch zeigte er mir eine Rehpfote, die sowohl zum Rückenkratzen als auch zum Streicheln verwendet werden könne, und die mittels der Technik „nordischer Klassiker“ fachmännisch aus dem Reh herausgetrennt werde. Sein Mitnordmann brachte schließlich zum Beweis des flüssigen Goldes eben jenes her, ein Gebräu davon für mich. Man stößt nach nordischer Sitte die Gefäße gegeneinander, sagt: Nicht lang schnacken, Kopp in’ Nacken, und folgt dann der eben gesagten Anweisung. Ich bin entzückt!
Beim Mittagessen in der großen Halle war es laut und lebendig, aber eines will ich doch vermerken: trotz des Trubels schuf der Graf einen Moment Stille, nur für mich und ihn. Es war wie eine Blase um ihn und mich herum, in der er mich ansah wie noch nie und mich bat, diese Art, die ich an mir habe, für immer zu behalten. Meine Zeit stand still – so etwas hatte ich noch nie von ihm gehört. Mein Herz schlug in diesem Augenblick nur für ihn.
Über den Tag hinweg plauderte ich mit diversen Menschen, und fühlte mich nach einiger Zeit pudelwohl, was wohl auch an der immer aufmerksamen Rosa lag. Erstaunlicherweise hatten aber auch einige der Gäste äußerst geschliffene Manieren, neigten ihr Haupt vor mir und waren stets bemüht, mir zu gefallen. Was mein Gemahl als spiritistische Handlung bezeichnete, war für mich ein Spiel, das lustig anzusehen war. Nach Weisung von Karten setzten sich unsere Gäste aufeinander, übereinander, voreinander… und während meine Gedanken zwischen Dietrich, der mir nie langweilig wird, und dem so veränderten Bild meines Gemahls hin und her huschte, blieb ich still und reglos bei dem Spiel sitzen.
Später hatte auch mein Sohn einige Recken um sich geschart, und ich war beruhigt, dass er sie nicht tatsächlich Waffen wählen ließ. Sie wären ihm alle unterlegen gewesen. Stattdessen hatte er sich etwas ausgedacht, das sowohl Köpfchen als auch Geschick erforderte. Zwei Bälle aus einer Hand fallen lassen und mit derselben Hand wieder fangen; einen bestimmten Betrag Münzen abzählen, ohne hinzusehen. Belustigt dachte auch ich mir ein Spiel aus: Rätselraten. Ich liebe Rätsel, und wie es der Zufall wollte, brachte mir kurz zuvor eine abstruse Gruppe meine Kristallkaraffe zurück. Wie die verschwunden ist, ist zwar auch ein Rätsel, aber das soll hier egal sein. Ich schnappte mir die Schreiberin, die meine Vorlieben kennt und immer Rätsel bei sich hat, und verzog mich mit ihr und einer Gruppe Gäste in eine der Burgruinen.
Die Regeln waren denkbar einfach: ich spielte immer gegen einen einzelnen aus der Gruppe. Die Schreiberin lies die Frage vor, und wer die Antwort wusste, sollte zuerst das Buzzword rufen und dann die Antwort geben. Wer am Ende die meisten richtigen Antworten gegeben hat, sollte Gewinner sein. Nach kurzer Absprache wählten meine Kontrahenten das Buzzword „Zonk“, und aus irgendeinem Grund beschlich mich das Gefühl, dass das ein Omen war. Zugegeben, die Schreiberin hatte schwierige Fragen im Gepäck. Mit der Zeit wurde mir die Fragerei langweilig, sodass wir dann Schere-Stein-Papier spielten, bei dem mich die Gruppe dann auch besiegte. Aber was ist schon Verlieren gegen all den Spaß, den ich beim Spielen hatte!
Weiter ging der Spaß, als das Monster aus dem Sumpf sein Versprechen einlöste und mir die Wirkung seiner heimischen Schlamm-Maske demonstrierte. Es erläuterte die Anwendung und Wirkung, und ich konnte mit eigenen Augen sehen, wieviel strahlender die Haut der Testperson nachher war! Begeistert lief ich zu meinem Mann, der mir aber gar nicht so recht zuhörte. Er wirkte abwesend, fast zerstreut … er sah mir direkt in die Augen, wimmelte mich aber ab. Und obwohl ich dies bemerkte und herauszufinden versuchte, was ihm passiert war, wich er mir aus, als hätte er einen Geist gesehen.
Nun.. nun.
Ich brauche Kraft, um die nächsten Zeilen zu schreiben. Immer noch ist mir unklar, wie … und ich erinnere mich nicht an alles, es .. ich .. bin ..
Am frühen Abend nahm mein Gemahl mich zur Seite, nahm meine Hände in seine und flüsterte mir zu, dass er die Vertrautheit und Liebe, die wir in diesen Tagen spürten, jeden Tag wieder aufleben lassen will. Es fiel mir leicht, ihm zu Versprechen, dass wir jeden weiteren Tag zusammen bleiben und genießen werden.. wir hatten so viele kleine Momente, in denen er sich um mich kümmerte, liebevoll wie nie. Dann bot er mir seinen Arm, um mir den Weg zur Burgruine zu geleiten, in die er auch alle Gäste rief. Dort dankte er ihnen für ihre Kräfte und zeichnete manche von ihnen als Medium aus.

Doch mitten in seiner Dankesrede fiel er auf die Knie … ich lief ich zu ihm, stützte ihn und fragte noch, was ihm fehle, als er gänzlich zu Boden fiel und reglos liegen blieb.
Mein Herz blieb stehen.
Ich schrie nach Hilfe, verzweifelt .. ich erkannte niemanden mehr, alle Gestalten und Gesichter waren tränenverzerrt … ich rüttelte an meinem Gemahl, doch er atmete nicht mehr .. hilflos und taub schrie ich unter heißen Tränen in die Dunkelheit. Ich vernahm, dass die Medien sich um uns scharten, monotonen Singsang, als mein Herz zersplitterte. Es muss der Tod persönlich gewesen sein, der seinen schwarzen Mantel über meinen Gemahl breitete und seine Lebenskerze ausblies. Stockstarr und in tiefster Angst musste ich mit ansehen, wie der Geist meines Mannes aufstieg. Es wurde totenstill, als er das Wort erhob. Ich bin noch immer fassungslos und weine, während ich diese Worte schreibe. Mit rauchiger Stimme erzählte der Geist, dass der Tote nicht der Mann sei, der mich geehelicht hatte, sondern sein Zwillingsbruder – und dass nun beide dem Totenreich angehörten. Meine Erinnerung an das, was folgt, ist brüchig und lückenhaft .. Dietrich stand mir zur Seite, und schließlich mein Sohn, der mich stützte und vor all dem zu schützen versuchte. Kraftlos blieb ich an seiner Seite. Das nächste, an das ich mich erinnere ist eine kleinere Runde von Medien, die mit Hilfe der Toten heraus fand, wer den Zwillingsbruder, in den ich mich in den letzten Tagen so verliebt hatte, grausam tötete – und schließlich kamen sie auch darauf, dass mein Gift in den Weinfässern doch erfolgreich war. Erst hier kam ich wieder zu Sinnen: als sie mich beschuldigten, raffte ich meine Kleider und floh in die Nacht.
Nun harre ich hier seit Stunden im Turm und versuche zu verstehen. Aber ich weiß nicht mehr weiter…